Holger Markgraf, Scannerpersönlichkeit

Wie führe ich ein ausgeglichenes Leben als Scannerpersönlichkeit?

»Scannerpersönlichkeiten«, »Generalisten«, »Tausendsassas«, »kreative Multitalente«, »Vielbegabte« oder gar »Universalgenies«: Wer erstmal auf das Phänomen gestoßen ist, findet rasch immer mehr Bezeichnungen für Menschen, die viele unterschiedliche Interessen und Begabungen haben, sich leicht neues Wissen aneignen, gern Projekte beginnen – aber auch dazu neigen, diese nicht abzuschließen, ihr Studium abzubrechen, immer wieder den Job oder die Branche wechseln – und Schwierigkeiten haben, sich beruflich zu spezialisieren.

Holger Markgraf ist einer davon. Und er coacht in seiner Onlineschule so genannte »Scannerpersönlichkeiten«, damit sie sich in der Vielfalt nicht verzetteln und trotzdem selbstbewusst den eigenen persönlichen oder beruflichen Weg gehen können.

Holger, als ich kürzlich den Begriff »Scannerpersönlichkeit« entdeckte, war ich geradezu erleichtert: Immer wieder bekomme ich den Rat, mich als Journalistin oder Texterin auf ein Thema oder Fachgebiet zu spezialisieren, schaffe es aber nicht, weil mich einfach vieles interessiert.

Schön zu merken, dass ich nicht allein bin! Und dass es sogar eine Bezeichnung für dieses Phänomen gibt, ob die nun wissenschaftlich fundiert ist oder nicht. Was hat es mit dir gemacht, zu erfahren, dass du eine Scannerpersönlichkeit bist?

Holger Markgraf: Mein erster Augenöffner war schon, als ich vor zwei, drei Jahren mit dem Thema »Hochsensibilität« in Kontakt kam. Das war ein besonderes Erlebnis, weil mir rückblickend einiges aus meiner Kindheit klarer wurde. Zum Beispiel, warum ich auf bestimmte Geräusche und Gerüche immer so sensibel reagiert habe.

Wenig später kam ich dann zur »Scannerpersönlichkeit« oder »Vielbegabung«, denn nach einer Definition der Autorin Barbara Sher überschneiden sich deren Persönlichkeitseigenschaften stark mit denen von Hochsensiblen oder Hochbegabten. Und das hat mir wieder viel erklärt: Weshalb ich immer wieder Dinge anfange und nicht weiter mache oder warum ich vieles auf einmal tue und mich nicht entscheiden kann, wo mein Schwerpunkt liegt.

Woher kommt der Begriff »Scannerpersönlichkeit«?

Die Autorin Barbara Sher verwendete ihn in ihren Büchern als Überbegriff für viele verschiedene Persönlichkeitstypen, die quasi ständig den Horizont nach neuen Möglichkeiten scannen – in Abgrenzung zu »Tauchern«, die sich in einem Fachgebiet eine tiefe Expertise aneignen.

Eine weitere Autorin, Dorothee Scheld, hat in Deutschland den Begriff der »Vielbegabung« geprägt, sie unterscheidet zwischen Vielbegabung und Scannerpersönlichkeiten. Ich kann spontan nicht sagen, wo ich mich da ganz genau selbst einordne – aber ich weiß, dass ich hochsensibel bin, dass ich vielbegabt bin und ja, ich bin sicher auch eine Scannerpersönlichkeit.

So einfach der Schritt zur 4-Tage-Woche und der nebenberuflichen Selbständigkeit klingt – ich habe es mir nicht leicht gemacht. Besonders meine Situation als Alleinverdienerin mit Kind spielte dabei eine große Rolle. Kinderlos – oder nicht alleinerziehend – wäre ich sicher unbeschwerter an die 4-Tage-Woche herangegangen.

Als ich die nebenberufliche Freiberuflichkeit zum ersten Mal ansprach, war mein Arbeitgeber nicht begeistert. Wäre ich als Freiberuflerin eine Konkurrenz zur Agentur? Würde ich das nötige Arbeitspensum noch schaffen? Doch weil mich das Thema monatelang nicht losließ, vereinbarten wir einen “Testmonat” – und genau in dem Moment bekam ich freiberufliche Aufträge. Wie aus Zauberhand funktionierte mein Netzwerk. Das war mein Beweis, dass es finanziell gut gehen würde.

Kurz bevor der Testmonat zu Ende war, kam Corona. Die Entscheidung für oder gegen die 4-Tage-Woche war ausgesetzt, wir gingen ohnehin in Kurzarbeit und ins Home Office. Und plötzlich war ich tiefenentspannt. Ich arbeitete, wo und wann es zu meinem Bio-Rhythmus und dem meiner Tochter passte. Trotz Home Schooling – oder gerade deshalb, denn plötzlich war auch meine Tochter tiefenentspannt. Seit dem Wechsel aufs Gymnasium hatte sie über Schulstress gesprochen. Nun zeigte sich, dass auch ihr das selbstbestimmte Arbeiten liegt. Oft begann sie mit ihren Aufgaben schon am Sonntagabend, ackerte die ersten Tage der Woche voll durch … und sah ab Mitte der Woche zufrieden auf das, was sie geschafft hatte.

Von mir fiel der Stress der letzten Jahre ab. Keine Meetings, keine Zwischenfragen, Zeit für vertieftes, konzeptionelles Arbeiten. Ich schaltete die E-Mails aus, die Kommunikation reduzierte sich auf ein Minimum. Zudem: ein Arbeitstag pro Woche weniger. Ich habe den Garten direkt vor dem Schreibtisch und gehe täglich laufen.

Das war endgültig die Bestätigung: Es muss sich etwas ändern – und die 4-Tage-Woche ist ein richtiger Schritt dahin.

Auf keinen Fall will ich Teamwork missen. Vermutlich fehlte mir nur die richtige Mischung aus allem. Wie alles weitergeht, steht in den Sternen. Aber es ist wichtig und richtig, die eigene Zukunft selbst zu formen.

»Die Wissenschaft war mir zu engstirnig. Ich wollte mehr.«

Was hast du beruflich denn bisher alles »gescannt«?

Holger Markgraf: Ursprünglich wollte ich nach dem Abi Musik studieren und dirigieren, komponieren und Filmmusik machen. Ich bereitete mich schon auf die Aufnahmeprüfung vor, entschied mich aber kurzfristig doch anders und studierte Ethnologie. Später wechselte ich in die Sprachwissenschaft, zur Afrikanistik, was ich auch abschloss.

Ich begann zu promovieren, verbrachte eine Forschungsreise in Kamerun – und brach die Promotion vor fünf Jahren ab. Zum einen, weil es nicht mehr interessant war, zum andern, weil mir die Wissenschaft zu engstirnig war, nicht interdisziplinär genug. Da kochte letztendlich jeder in seinem eigenen Süppchen. Den typischen Universalisten – wie Goethe oder Da Vinci – den gibt es in der Wissenschaft nicht mehr. Und ich wollte einfach mehr.

Mit meiner Frau plante ich dann ein Musikcafé im Plattenladen meines Schwiegervaters, bis dieser samt unserer Wohnung eines nachts abbrannte. Danach brauchten wir erst einmal ein Jahr, um uns zu sammeln. Und schließlich entschied ich, Coach zu werden, um mit Menschen zu arbeiten. Denn ich habe ein Helfersyndrom und es liegt mir, andere Menschen auf ihrem Weg zu begleiten. Ach so, zwischendrin arbeitete ich als Kellner und war an einer Förderschule Schulbegleiter eines autistischen Jungen.

»Wir sind lernbereit und tauchen direkt ein«

Bestimmt war es nicht immer leicht, diese Entscheidungen zu rechtfertigen. Einige Menschen würden deinen Weg sicher als sprunghaft bezeichnen. Kann man aus der Not auch eine Tugend machen und die eigene Scannerpersönlichkeit beruflich gezielt einsetzen?

Ja, wir Scanner haben zum Beispiel die positive Eigenschaft, dass wir uns schnell in neue Dinge einarbeiten können. Das wird oft dadurch verstärkt, dass man immer wieder den Beruf oder das Studium wechselt. Wir sind sehr lernbereit und haben die intrinsische Motivation, direkt in neue Themen einzutauchen und uns intensiv damit auseinanderzusetzen. Hinzu kommt, dass wir Überblicksmenschen sind. Wir denken vernetzt und sehen den großen Rahmen vielleicht ein Stück besser als andere Menschen.

Als Beruf für Scannerpersönlichkeiten eignet sich deshalb zum Beispiel das Projektmanagement gut, vielleicht sogar Controlling. Oder auch die Freiberuflichkeit wie bei mir: Als Unternehmer musst du zwar nicht alles selber machen, aber du musst alle Prozesse überblicken und wissen, was zu tun ist. Das ist gerade am Anfang besonders wichtig. Meiner Meinung nach ist das Unternehmertum für „Scanner“ der ideale Beruf, egal in welcher Branche.

Als Unternehmer hast du ja auch eine gewisse Herausforderung …

Genau, und die Herausforderung ist ja auch das, was einen Scannerpersönlichkeit reizt, was uns Spaß macht!

Du hast als Schulbegleiter gearbeitet. Ist die Soziale Ader denn auch etwas, das Scannerpersönlichkeiten auszeichnet, das wir beruflich nutzen könnten oder sollten?

Ja, Barbara Sher definiert als eine Eigenschaft der Scannerpersönlichkeiten ein starkes ethisches Verständnis. Und Empathie, also sich in andere Menschen einfühlen zu können.

»Es ist wichtig, sich von alten Projekten zu trennen, um Platz für Neues zu haben.«

Sind Scanner gut in kreativen Berufen?

Ja, absolut. Viele Scanner, die ich kenne, sind Designer, Schriftsteller, Künstler. Und wenn sie nicht in kreativen Berufen arbeiten, dann machen sie das privat. Bei uns ist es die Musik: Ich habe mit meiner Frau das Musikcafé geplant, komponiert, jahrelang getanzt und früher auch Papier geschöpft, Kraniche gefaltet, Origami gemacht, gezeichnet …

In kreativen Berufen muss man loslassen können. Als Texterin muss ich zum Beispiel schnell Ideen entwickeln, mich davon aber auch schnell wieder verabschieden, wenn sie nicht punktgenau passen oder dem Kunden nicht gefallen. Inzwischen fällt mir das leicht. Ist es eine Scanner-Eigenschaft, loslassen zu können – weil die nächste Idee ohnehin gleich kommt?

Jaaa – und nein. So wie du es beschreibst, hast du das beruflich bedingt lernen müssen. Aber eigentlich ist das Loslassen für „Scanner“ eher ein schwieriges Thema. Viele trennen sich ungern von ihren Projekten. Sie fangen zwar leicht was Neues an, haben das Alte aber gedanklich noch nicht abgeschlossen. Oft ist das Alte auch noch irgendwo in der Wohnung präsent. Ein großes Missverständnis ist, dass Scannerpersönlichkeiten oft mit Messies verwechselt werden.

Wie kann man damit umgehen?

Eine gute Übung für Scannerpersönlichkeiten ist es, einen Grundriss der Wohnung aufzuzeichnen und zu fragen: „Wo habe ich überall angefangene Projekte herumliegen?“ Da findet sich oft einiges in den Schubläden.

Ein Beispiel aus meinem Leben ist das Tanzen: Das habe ich fünf Jahre lang sehr intensiv drei Tage pro Woche gemacht – und von einem Tag auf den anderen aufgehört. Glücklicherweise ist etwas Nicht-Physisches, das nicht in der Wohnung herumstehen kann.

Empfiehlst du, sich als Scannerscannerpersönlichkeit von den Dingen trennen zu lernen?

Ja, beziehungsweise, man muss sich ja nicht komplett davon trennen. Man kann sich auch eine Box mit seinen gesammelten Werken oder nicht-vollendeten Projekten anlegen und die archivieren, im Keller, auf dem Speicher, bei den Eltern. Vielleicht hat man ohnehin ein Projektbuch angelegt, in dem man alles Wissen dokumentiert hat, dann kann man jederzeit darauf zurückgreifen. Aber wichtig ist es, alte Projekte aus der Wohnung zu schaffen, um wieder Freiraum für etwas Neues zu haben.

Die 80/20-Methode:

Holger, gibt es einen Appell? Etwas, das du der Welt über Scannerpersönlichkeiten sagen willst?

Holger Markgraf: Zunächst einmal finde ich es wichtig, dass wir selbst anerkennen, wie wir sind, und an unseren Bedürfnissen orientiert leben. In unserer Gesellschaft überwiegt ja diese Tunnelblickvariante: Du sollst dich auf eine Sache fokussieren, den Arsch zusammenkneifen, das Ding durchziehen. Mit dieser Haltung werden die meisten Scannerpersönlichkeiten aber unglücklich oder sogar krank, weil sie dafür einfach nicht geschaffen sind.

Deshalb sollten wir auf unser Herz hören. Und wenn es Zeit ist, etwas Neues anzufangen, dem auch folgen. Das heißt jetzt nicht, dass man bei jeder Idee, die um die Ecke kräht, alles links liegen lassen soll. Aber man kann ja mit der Idee spielen, sie erst mal aufschreiben und das andere weitermachen, so lange man damit glücklich ist. Das ist die Grundregel: So lange ich glücklich bin, sollte ich das weiterführen, was ich tue.

Wie kann das konkret gelingen?

Eine gute Methode ist, dass man sich seinen Hauptjob zu 80 Prozent vornimmt, also bei mir als Freiberufler zum Beispiel in bestimmten Arbeitsblöcken über den Tag verteilt, und zwischendrin kleinere Pause macht. In denen kann man beispielsweise malen, ein Instrument oder Sprachen lernen oder an zusätzlichen Projekten arbeiten, so dass man eben nicht liegen lassen muss. So kann man an der einen Sache dranbleiben und die nächste schon weiterverfolgen.

Holger Markgraf,
Scanner-Coach:

Holger Markgraf coacht Scannerpersönlichkeiten, die es satt haben, keine ihrer 1001 Ideen und Projekte erfolgreich abzuschließen. Er will dabei helfen, Klarheit zu erlangen, und mit Fokus und einem starken Selbstwertgefühl Ziele zu verwirklichen: markgraf-coaching.de

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